Bin ich was wert?

Hast du schon schöne erholsame Pläne für die kommenden Semesterferien? Vergiss sie ganz schnell und blättere mal aufmerksam in deiner Studienordnung. Es ist Zeit für ein Pflichtpraktikum. Pardon, für ein unentgeltliches Pflichtpraktikum. Unentgeltlich, ungeordnet und auch noch undefiniert, was deine Lernziele angeht. Und wer auf die Idee kommt, sich besonders engagiert zu zeigen und noch ein freiwilliges Praktikum, vornehmlich „für den Lebenslauf“ absolviert, stößt schnell an die Grenzen der staatlichen Sympathie für Studierende und wird zur Kasse gebeten. Leistung wird nicht belohnt.

Das klingt nicht verlockend? Zier dich nicht so, und stelle diese Praxis nicht infrage, du machst schließlich wertvolle vertiefende Erfahrungen und dein Fachwissen, was in mühevoller Arbeit auf den aktuellen Stand der Wissenschaft gebracht wurde, ist heiß begehrt und wird überall gern mit Kusshand genommen. Du bist einfach gefragt. Klar, wessen Status ungeklärt ist, der kann sich selten auf Rechte berufen, und ist nicht nur billig, sondern im Zweifel auch gänzlich umsonst zu haben. Üben wir schon mal für später, da steht schließlich auch jede Menge Konkurrenz vor der Tür, gewöhnen wir uns besser schon frühzeitig daran und fügen uns ins Raster. Und ein feuchter Händedruck deines Chefs, sollte dir Lohn genug sein. Wen interessiert es, ob du tatsächlich etwas gelernt hast, oder nur in der hohen Kunst des Kaffeekochens und kopierens geschult wurdest, du als Vollzeitersatzkraft zum Nulltarif herangezogen wurdest, oder auch einfach nur gestört hast?

Wen kümmert es, dass dein Bafög-sofern du überhaupt welches bekommst-hinten und vorn nicht reicht, die netten Zuwendungen deiner Eltern begrenzt sind, Omas Rente zu schmal ist, aber der Vermieter, die Krankenkasse und wenn du ganz großes Pech hast, auch noch das Finanzamt die Hände aufhalten? Und Hunger hat man ja auch keinen. Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre, finde dich damit ab.

Der Markt diktiert es, den Gesetzgeber in Bund und Land interessiert es nicht, die Hochschulen unterstützen diese Praktiken schweigend. Während du ackerst, befinden sich die Verantwortlichen in ihren ganzjährigen Sommerferien.

Deutschland, deine (zukünftigen) Akademiker…was sind sie dir in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wert? Groß in blumiger Rhetorik, wir hätten nicht viel mehr zu verkaufen, als unsere Köpfe. Nehmt euch endlich ebendieser Köpfe an und investiert in sie! Noch größer in Absichtserklärungen auf irgendwelchen Gipfeln, sagen wir für 2020 oder auch später oder eben nie, ein bisschen Krise haben wir doch immer, hauptsächlich wenn es um die Bildung geht. Worauf wird eigentlich gewartet, auf reiche Eltern für alle, die politische Versäumnisse im privaten schon abfedern werden? Wir können natürlich auch abwarten und uns der Utopie hingeben, dass freiwillig und unaufgefordert ein angemessenes Entgelt für unsere Leistung gezahlt wird, aber dann haben auch wir so einigen Nachholbedarf, was die Grundlagen und die Gesetzmäßigkeiten unserer Wirtschaftsordnung angeht.

Die Zeit des Abwartens und der Hoffnungen, dass sich die Verantwortlichen unseren spezifischen Problemen schon noch annehmen werden, ist vorüber. Lasst uns jetzt endlich gemeinsam aktiv werden und unsere Forderungen in die Parlamente tragen.

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